Modellhafte Bildungsarbeit

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freundinnen und Freunde,

manchmal ist es das Unscheinbare, das zu Denkanstößen führt und Veränderungsprozesse auslösen kann – das Spiel mit farbiger Kleidung in der uniformierten Welt einer Haftanstalt, das Spiel mit dem Wort Zukunft, wo die Gegenwart des Justizvollzugs erdrückend scheint. Hier setzen unsere Projekte (nicht nur) mit rechtsaffinen Jugendlichen an, wie unlängst bei zukunftsmusik, in dem Jugendliche und Erwachsene aus der Jugendanstalt Raßnitz und der Justizvollzugsanstalt Herford Forumtheaterstücke entwickelten.

In ihrem Zentrum stand die Frage nach der eigenen Zukunft außerhalb des Haftalltags. Gemeinsam wurde reflektiert, diskutiert, ausprobiert und verändert: Was wünsche ich mir für die Zukunft? Was hilft mir bei der Verwirklichung? Was (be)hindert mich? Das Spiel mit verschiedenen Rollen öffnete den Blick auf verschiedene Perspektiven – auf die eigene Person, auf andere, die Welt. Dies war der Rahmen auch zum Nachdenken über eigene Positionen und Sichtweisen, über Menschenverachtung und Empathie. Seit der Gründung von Miteinander e. V. ist die Bildungsarbeit ein wichtiges Handlungsfeld des Vereins. Dabei liegt einer der Schwerpunkte auf den Zielgruppen rechtsaffiner und/oder „bildungsferner“ Jugendlicher und den Pädagog_innen, die mit diesen Jugendlichen arbeiten.
Das Projekt Neue Wege (2004–2006) arbeitete systematisch mit lernbehinderten Jugendlichen in den Bereichen der gewaltfreien Konfliktaustragung und der politischen Bildung. Die hier erprobten Ansätze fanden ihre Fortführung und Weiterentwicklung im Projekt Bühne frei (2007–2010). Hier arbeitete der Verein unter anderem mit Schulverweigerer_innen und Jugendlichen in Haftanstalten, die rechte Einstellungen vertraten oder sich im jugendkulturellen Rechtsextremismus verorteten. Neben Elementen der politischen und historischen Bildung kamen hier Methoden der Kultur- und Theaterpädagogik zum Tragen. Exemplarisch konzipierte
RollenWechsel (2010–2014) mit rechtsaffinen Jugendliche Projekte, die sowohl die geschlechtsspezifische Sozialisation als auch die Identität(-ssuche) von Jugendlichen sowie deren Sozialraum kritisch einbezogen. Seit 2015 wird diese Arbeit im Projekt „Frei(T)Räume erleben“ fortgesetzt und weiterentwickelt. An der Schnittstelle Haftanstalt und „belasteter Sozialraum“ sollen (neue) pädagogische Interventionsformate Einfluss auf rechtsextreme Radikalisierungsprozesse nehmen, diese unterbrechen und im günstigsten Fall unterbinden.
Die in den Projekten entwickelten Ansätze und Methoden tragen dazu bei, die Fähigkeiten der Jugendlichen zu entwickeln bzw. zu stärken, die notwendig sind, um Interessengegensätze und Konflikte konstruktiv, gewaltfrei und demokratisch zu lösen. Zugleich wecken sie die Offenheit und das Interesse der Jugendlichen für eine Vielfalt von Lebensentwürfen und Überzeugungen jenseits der zuvor entwickelten rechtsextremen Überzeugungen. Mit dem vorliegenden zweiten Themenheft möchten wir diese Arbeit mit „bildungsfernen“ und/oder rechts-
affinen Jugendlichen vorstellen. Wir berichten über vergangene und aktuelle Modellprojekte sowie Best-Practice-Beispiele. Und wir diskutieren die Grundbedingungen für eine erfolgreiche Präventions- und Distanzierungsarbeit mit Blick auf den Rechtsextremismus.
Wir wünschen eine anregende Lektüre.
Ihr Pascal Begrich und das Miteinander-Team

Eltern und Rechtsextremismus

„In dieser Handreichung finden Sie Informationen zur Kompetenzstelle Eltern und Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt und einige Materialien und Handlungsempfehlungen zum Thema.“