Widerspruchstoleranz: Ein Theorie-Praxis-Handbuch zu Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit

Über den Inhalt:

Vorwort

seit mehr als einem Jahrzehnt engagiert sich die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (Kiga) er- folgreich in bildungspolitischen programmen und bringt Jugendlichen das thema antisemitismus nahe.
sie setzt sich gemeinsam mit jungen Menschen mit dem nahostkon ikt und seinen vielen Facetten sowie dem islamismus auseinander. das team der Kiga hat neue Methoden entwickelt, um diese komplizierten sachverhalte mit den Jugendlichen zu bearbeiten und sie gegen Vorurteile, ressentiments und Klischees zu sensibilisieren. aus der langjährigen erfahrung der außerschulischen und schulischen arbeit mit Jugend- lichen ist das hier vorliegende theorie-praxis-handbuch entstanden. es re ektiert den schwierigen Weg, theorie und praxis erkenntnisleitend zusammenzubringen, d.h. wissenschaftliche ergebnisse in die prak- tische arbeit zu integrieren. häu g sind die anforderungen, die die Wissenschaft an die pädagogen/-innen stellt, fern ab von der realen Welt der Jugendlichen. es ist dem team der Kiga dennoch gelungen, beide ebenen sinnvoll miteinander zu verknüpfen. der vorliegende Band bietet nicht nur ein grundlegendes Werk für die pädagogische arbeit zum thema antisemitismus, sondern er sollte auch von der Wissenschaft rezi- piert werden, um künftige Forschung näher an der praxis zu orientieren.

die Beiträge von Barbara schäuble und astrid Messerschmidt in diesem Band re ektieren die bisherigen Forschungsergebnisse in enger anbindung an die pädagogische praxis. anne Goldenbogen widmet sich
der Bildungsarbeit mit Jugendlichen unterschiedlicher herkunft zum thema antisemitismus in einem land, das sich den herausforderungen an die inzwischen existierende Migrationsgesellschaft nicht mehr verschlie- ßen kann. in der pädagogischen praxis muss eine auseinandersetzung mit den eigenen diskriminierungs- erfahrungen von Jugendlichen aufgrund ihrer herkunft, ihrer sexuellen orientierung oder religiösen ausrich- tung am anfang stehen. erst dann werden sie bereit sein, eigene Vorurteile gegen andere Minderheiten

zu erkennen und mit den teamern/-innen gemeinsam zu hinterfragen. im anschluss setzen sich stephan Bundschuh, ingolf seidel und anne Goldenbogen mit wichtigen themenfeldern des antisemitismus in der alltagskultur auseinander, die grundlegend für die wesentlichsten aktuellen antisemitischen stereotypisie- rungen sind. die im letzten teil des handbuchs vorgestellten Methoden bieten Bildungspraktikern/-inn in ein ausgezeichnetes rüstzeug, um mit Jugendlichen zum thema antisemitismus, vor allem in seiner aktu- ellen ausprägung, zu arbeiten.

Juliane Wetzel, Zentrum für Antisemitismusforschung der tu Berlin

„man wird ja wohl nochmal sagen dürfen…“ Über legitime Kritik, israelbezogenen Antisemitismus und pädagogische Interventionen

Aus dem Vorwort (Anette Kahane):

Wenige Themen der öffentlichen Debatte sind so schwierig und derart überladen wie der  israelbezogene Antisemitismus. Das hat verschiedene Ursachen und drückt sich unterschiedlich aus. Fakt aber ist: es gibt ihn, den Israelhass, der antisemitisch daherkommt und auch so gemeint ist. Sogar wenn er nicht so gemeint ist, taucht er auf, mal direkt, mal  indirekt, doch stets bewacht von vielen Emotionen. Gegen die Emotionen ist eigentlich  nichts auszusetzen, die Frage ist nur, wen oder was sie beschützen. Die Antwort: in der
Regel ist es mit den heftigen Gefühlen in dieser Debatte wie mit einer Falle, die sich umso  fester schließt, je mehr man sich zu befreien versucht. Je leidenschaftlicher eine Diskussion
über Israel jeden Antisemitismus darin bestreitet, desto präsenter ist er.
Wann genau ein Diskurs über Israel antisemitische Züge annimmt, soll hier dargelegt  werden, doch mindestens ebenso wichtig erscheint die Frage, warum Israel überhaupt so allgegenwärtig die öffentlichen Debatten bewegt. Erst wenn es darüber Klarheit gibt, finden inhaltliche oder auch polemische Beiträge ihren angemessenen Platz.  Wie kein anderes Land auf der Welt steht Israel unter ständiger, missbilligender Beobachtung. In Europa und besonders in Deutschland verfolgt die Öffentlichkeit nahezu obsessiv, was in diesem kleinen Land geschieht. Dabei steht der Konflikt mit den Palästinensern stets im Mittelpunkt aller Betrachtung. Bezugspunkt jeder Bewertung Israels ist das »himmelschreiende Unrecht« gegenüber den Palästinensern, das alle anderen Konflikte der Welt als Nebenschauplätze erscheinen lässt. Weshalb ist das so? Woran erregt sich die deutsche Gemütslage so grundsätzlich und vehement? Weshalb gerade hier und nicht an anderen großen oder kleineren Konflikten, die meist härter, ungerechter, blutiger und fundamentaler geführt werden als die Auseinandersetzungen in Israel und den Palästinen-
sergebieten?